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Wie haben Sie die Musik entdeckt?

25.11.2008

Interview mit Kaspar für die Zeitschrift vom Théâtre des Champs Elysées

 

Wie haben Sie die Musik entdeckt? Warum wollten Sie gerade Dirigent werden?


Als fünftes Kind einer sehr musikalischen Familie - die Mutter Sängerin, der Vater Landarzt, aber ein sehr guter Geiger mit regelmässigen Kammermusik-Aktivitäten - konnte ich sehr früh die Schönheiten der Musik und vor allem des musikalischen Zusammenspiels erfahren. Was das Dirigieren angeht, so prägte mich mein erster Besuch in der Oper in Bern; ich hörte «die Zauberflöte». Auch im Alltag habe ich mich immer ein bisschen als Leitfigur gespürt ; als Kind wollte ich Kapitän werden oder Lokführer, von da ist der Schritt zum Dirigenten nur noch klein!



Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt als Dirigent?


Natürlich, das war ein Konzert in der Kirche von Riggisberg, meines Dorfes, mit dem Kammerorchester von ehemaligen Gymnasiumskollegen. Wir spielten das Stabat mater von Pergolesi. Naiv wie ich war, hatte ich noch keine Ahnung, wie schwierig und heikel dieses einzigartige Stück ist.



Hat sich Ihre Art zu dirigieren seit Ihren Anfängen verändert?


Ich hatte nur einen einzigen wirklichen Dirigierlehrer, weshalb die Basis meiner Zeichengebung wohl die gleiche geblieben ist. Aber bestimmt hat sich meine Dirigiertechnik entwickelt. Mit der praktischen Erfahrung, aber auch mit vielen Gelegenheiten, andere Chefs zu beobachten, von aussen und als Orchesterspieler.



Sie sind auch Flötist. Warum ist es gut für einen Dirigenten, auch Musiker zu sein?


Zunächst ist es gut, wenn man weiss, wie schwierig es ist, ein Instrument wirklich gut zu spielen. Dieses Verständnis erhöht den Respekt gegenüber den Musiker/innen, man weiss besser, was sie leisten. Der Dirigent ist wie ein Kapitän: zuerst muss er Matrose, Steuermann, Offizier sein. Er muss lernen zu führen und die Psychologie seiner Mannschaft zu kennen. Das ist ein langer Weg, auf dem ich noch weit zu gehen habe. Eigentlich muss man ihn mit jedem Orchester von neuem gehen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Nur ein guter Musiker kann auch ein guter Dirigent werden.



Wie sieht Ihre Arbeit mit der Partitur vor dem Konzert aus?


Gleich vor dem Konzert lese ich sie mehrmals durch. Das ist wie Musik hören, aber mit dem Unterschied, dass ich die Partitur beim Lesen auf ihre Details reduzieren, die einzelnen Stimmen voneinander trennen und die Struktur entflechten kann. Aber das ist nur der allerletzte Schritt, man könnte ihn „Inspirationssuche vor dem Konzert“ nennen. Den Rest der Arbeit muss ich vor der ersten Probe leisten, auch hier lesen und nochmals lesen, ich notiere viel, markiere laute und leise Stellen, Haupt- und Nebenstimmen, ich definiere die Gruppen, welche in Abstimmung aufeinander eine musikalische Idee zu formulieren haben.



Wenn Sie dirigieren, stellt sich ein visueller Kontakt mit den Orchestermitgliedern ein, dazu verfolgen Sie die Partitur. Können Sie diese Dualität erklären?


Ich dirigiere fast nie auswendig, weil mich die Partitur während des Konzertes inspiriert. Bedingung ist natürlich, dass ich sie sehr gut kenne und dass ein einziger Blick pro Seite genügt. So wird aus dem Blick der Überblick. Für mich ist der visuelle Kontakt mit den Musiker/innen sehr wichtig, obwohl ich nicht erwarte, dass mir jemand in die Augen schaut, denn sie müssen ja auch die Noten verfolgen. In diesem Geflecht von Blickkontakten ist eigentlich der Blick nach innen, die Konzentration auf die Musik, die gerade entsteht, der wichtigste.



Welche Dirigenten haben Sie besonders beeindruckt?


Jedes Konzert ist inspirierend und beeindruckend, im guten oder im schlechten Sinn. Folgende Chefs haben mich definitiv beeinflusst : Mein Lehrer Ewald Körner für das ganze Metier, welches er mir beigebracht hat und für den Enthusiasmus, mit welchem er Farben und Rhythmen aus einer Partitur schöpfte. Bruno Walter und Rafael Kubelík für ihre klaren, noblen, geistreichen, aber schnörkellosen Interpretationen. Claudio Abbado für seine permanente Suche nach dem Absoluten und Göttlichen in der Musik. Bernard Haitink für seine Art, ohne Mäzchen und ohne Show seinen Weg zu gehen und während 60 Jahren top zu sein. Simon Rattle für die Frische seiner Ideen und für sein Kommunikationstalent.



Haben sie ein Lieblingsrepertoire? Welche Musik ausser der klassischen mögen Sie?


Als Schweizer habe ich den Vorteil italienischer als die Deutschen, wienerischer als die Parisiens, französischer als die Russen und slawischer als die Engländer zu sein. Und ich habe den Nachteil, nicht wirklich eine spezifische kulturelle Identität zu haben (ausser vielleicht jener der Schokolade und der Kuckucksuhren...). Alle Schweizer Künstler haben ihren Weg im Ausland finden müssen. Ich habe viele osteuropäische Länder bereist, bin den Spuren ihrer Volksmusik nachgegangen und suchte den Kern ihrer Kultur, welche die Wurzel der unseren ist. Am besten kommt die Verbindung zwischen Volks- und Kunstmusik bei Leos Janácek, Béla Bartók und George Enescu zum Ausdruck. Andere Komponisten, die mir nahe gehen: Karol Szymanowski, Carl Nielsen, Bohuslav Martinu und Albert Roussel. Und dann interessiere ich mich wirklich für alles Zeitgenössische.



Können Sie uns etwas zu den Zusammenhängen im heutigen Programm sagen?


Da es sich um ein Konzert im Spätherbst handelt, wollte ich Helles Dunklem gegenüber stellen. Diesen Kontrast bringt Schumanns Vierte in sich perfekt zum Ausdruck: Der erste Satz beginnt sehr finster, fast mystisch, mündet in eine melancholische Romanze, darauf folgt ein dramatisches Scherzo mit einem ausschweifend romantischen Trio, welches unmittelbar in die Überleitung zum Finale führt. Der letzte Satz ist von übersprudelnder Helligkeit und Freude, fast wie in einer leichten italienischen Oper. Schumann schrieb die Sinfonie in zwei Versionen, wir spielen heute die Urfassung von 1841, welche mit nur 23 Minuten aussergewöhnlich kurz ist. Die Sätze sind zusammenhängend, ohne Pause zu spielen, das unterstreicht die programmatische Idee bzw. hebt das Stimmungsdiagramm hervor. Aus der gleichen Zeit und Gegend stammt das erste Stück des Abends: Mendelssohns Ouvertüre „von der schönen Melusine“. Es handelt sich um die Geschichte der kleinen Meerjungfrau, der Undine oder der Rusalka, welche sich in einen menschlichen Prinzen verliebt, dafür ihre Sprache verliert und nur in ihre Welt zurückkehren kann, wenn sie den Geliebten mit einem letzten Kuss tötet und damit Liebe und Leben vernichtet. Im Zentrum des Programms steht die träumerische, zauberhafte Seite des Lebens, aus der Sichtweise zweier Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Bohuslav Martinus „Zauberhafte Nächte“ und Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“. Martinu bedient sich einer frühlingshaft impressionistischen Klangsprache, was ihn in die Nähe von Roussel oder Ravel rückt, während Strauss dem letzten Weg irdischen Daseins folgt: Unmittelbar auf Hermann Hesses „Frühling“ folgt „September“; „Beim Schlafengehen“ mündet in Eichendorffs „Im Abendrot“, „der Tod“ ist das letzte Wort. Übrigens ist Hesse ein Zeitgenosse von Strauss und Martinu, während Eichendorff zur Zeit von Schumann und Mendelssohn lebte.



Was sind Ihre Interessen ausserhalb der Musik?


Zunächst meine Familie. Ich bin mit einer Flötistin aus Rumänien verheiratet, und wir haben einen kleinen Sohn, Marius Leonard, der natürlich mein bester Freund ist. Dann Literatur, alte und neue Sprachen, Geschichte, Kunst, Architektur, Geographie, Natur. Ich liebe Wanderungen zu Fuss oder mit dem Fahrrad, ich bin ein leidenschaftlicher Skifahrer, ich lese über die tägliche Politik und verfolge die Fussballresultate.



Was sind Ihre nächsten Projekte?


Einiges in Frankreich : Ich werde eine Orchesterwoche der Konservatorien Pau und Tarbes leiten, wieder zum Orchestre National de Montpellier zurückkehren, das Orchestre National d’Île de France dirigieren, dazwischen das Neujahreskonzert in Luzern und eine Schweizer Tournee mit dem Sinfonie Orchester Biel. Ich freue mich auf ein Projekt mit Magdalena Kozena. Bis 2011 stehen mehr und mehr Opern auf dem Programm, und mit meinem Ensemble Paul Klee sollte ich demnächst auf « Mezzo » erscheinen.

 

 

Émilie Tachdjian, à l'ecoute