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Kaspar Zehnder – der neue Chefdirigent der Prague Philharmonia

24.10.2005

Interview mit Kaspar in der 09/2005 Ausgabe der tschechischen Musikzeitschrift «Hudební rozhledy» zu seiner Berufung als Chefdirigent der Prague Philharmonia.


Die Prague Philharmonia hat nach der zehnjährigen Ära ihres Gründers Jiří Bělohlávek einen neuen Chefdirigenten. Seit letztem Herbst – vorläufig für drei Saisons – ist es der 35-jährige Schweizer Kaspar Zehnder. Zum neuen ständigen Dirigenten wird Jakub Hrůša, während der Franzose Michel Swierczewski dem Orchester als Erster Ständiger Gastdirigent verbunden bleibt. Nach Professor Bělohlávek, der die Funktion des Ehrendirigenten behält, übernimmt ein Künstler im Zenith seiner kreativen Kräfte die Leitung des Orchesters; er wird die Philharmonie im bisherigen Geist weiter führen und ihr reiches Potenzial weiter entwickeln. Jiří Bělohlávek, seit 2006 Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra London, hatte sich ursprünglich vorgenommen, «sein» 1994 gegründetes Prager Orchester fünf Jahre lang zu führen. Nach zehn Jahren ist es nach seiner eigenen Aussage höchste Zeit, dass neue künstlerische Kräfte kommen.

Kaspar Zehnder, gelernter Flötist und Dirigent, fing seine professionelle Laufbahn als Assistent von Charles Dutoit am Orchestre National de France in Paris an, wobei er gleichzeitig in der Funktion des Musikkoordinators der European Mozart Foundation wirkte. Im Jahre 1997 wurde er zum künstlerischen Direktor des Orchesters der Musikakademie in Bern ernannt, im Jahre 1999 wurde er Künstlerischer Leiter des Festivals Murten Classics. Seit 2002 ist er Erster Ständiger Gastdirigent der Philharmonie in Sibiu (Hermannstadt). Im Jahre 2004 ist er auch zum Musikdirektor des Berner Zentrum Paul Klee berufen worden. Regelmässig tritt er als Gast mit Orchestern in Moskau, Bratislava, Krakau, Bern und Lausanne auf. Seit 2003 widmet er sich auch der Oper. Die Prague Philharmonia spielte im Sommer 2001 zum erstenmal unter seiner Leitung. «Ich sehe mich als Synthese zwischen den beiden», sagt er zu den unterschiedlichen Angehensweisen von Jiří Bělohlávek und Michel Swierczewski.

 

Sie haben eine neue Aufgabe in Prag. Welche Ziele sind für Sie in diesem Zusammenhang wichtig?


In der Autobranche wäre die Prague Philharmonia ein Rolls Royce, und als solches muss sie behandelt werden. Weil ich aber gleichzeitig ein Vertreter der jungen Generation bin, bediene ich mich ab und zu auch gerne eines Porsche-Motors… Mein wichtigstes künstlerisches Anliegen ist es, eine allgemeine, aktuelle Diskussion über Musik hervorzurufen: Musik ist eine Quelle positiver Energie, das muss bei jeder Gelegenheit immer wieder aufs Neue betont werden. Musik kann antworten auf die – bisweilen grässlichen – Nachrichten über das Tagesgeschehen. Musik kennt keine Grenzen zwischen religiösen, ethischen oder politischen Glaubensrichtungen und muss nicht von einer Sprache in die andere übersetzt werden. Musik ist schön, aber sie soll auch aufregend sein… Es wird zu einem grossen Teil zu unserer gemeinsamen Arbeit gehören, uns gegenseitig darin abzustimmen, was sich «hinter den Noten» verbirgt, d.h. uns darüber Klarheit zu schaffen, was wir gemeinsam für Kunst halten. Und weil man Kunst und Wirtschaft nicht trennen kann, werde ich meine gesamten Fähigkeiten in den Dienst einer stabilen finanziellen Basis des Orchesters stellen.



Wie wichtig ist für Sie das Erbe des Chefdirigenten Jiří Bělohlávek?


Das muss ich in drei Punkten beantworten: 1. Der Maestro Bělohlávek gehört zu meinen verehrtesten Dirigenten und zwar seit meinem Studienbeginn. Es ist für mich also die grösste denkbare Ehre, sein Nachfolger zu werden. 2. Für mich persönlich ist Prag eine der liebsten Städte. Ich fühle mich in Prag zu Hause wie fast nirgends sonst. 3. Die Prague Philharmonia ist einer der besten Klangkörper – nicht nur in der Tschechischen Republik, sondern europaweit. Für mich ist sie eine persönliche Herausforderung. Als ich sie zum erstenmal leitete, fühlte ich, dass ich etwas gefunden habe: die Stimme für meine Vorstellungen als Dirigent. Ich mochte eine Menge wunderschöner Konzerte mit vielen verschiedenen Ensembles gegeben haben, aber noch nie fühlte ich so stark den Wunsch, mich noch weiter einer gemeinsamen Arbeit zu widmen. Zusammengefasst: das Prager Erbe von Jiří Bělohlávek ist für mich sehr wichtig, sowohl im persönlichen als auch im professionellen Sinne.



Was davon sollte Ihrer Meinung nach fortgesetzt werden und was sollte neu oder anders werden?


Vor einigen Jahren, nach der Durchführung von Beethovens Eroica, schrieb ich Jiří Bělohlávek einen Brief, in dem ich ihm meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen wollte, dass er mir sein Orchester – also sein Instrument - geliehen hatte. Ich hatte den Eindruck, dass - anders als andere Orchester – die Musiker/innen der Prague Philharmonia mit der Partitur in kammermusikalischem Sinne vertraut waren , so dass ich als Dirigent nur mit den Tasten und Registern zu spielen hatte; es war überhaupt nicht nötig, sich während der Proben mit technischen oder kompositorischen Problemen zu befassen. Trotzdem klang das Orchester unter meiner Leitung wohl anders als unter der Leitung Belohláveks. Es ist schwer zu glauben aber wahr, dass bereits die blosse Anwesenheit eines Dirigenten den «Sound» eines Orchesters ändern kann. Ich werde also bestimmt den Klang ändern, hoffe jedoch, dass ich ihn nicht zerstören werde. Und selbstverständlich werde ich mich nicht ausschliesslich auf das Repertoire konzentrieren, das von Jiří Bělohlávek oft gespielt wurde, sondern auch versuchen, Vorstösse in Gebiete zu unternehmen, die für Orchester und Publikum interessant und neu sind.



Wie werden Sie mit Michel Swierczewski zusammenarbeiten?


Er ist Experte sowohl für die Musik des 20. Jahrhunderts, als auch für die Klassische Periode. Er machte das Orchester vertraut mit dem modernen Stil der klassischen Interpretation. Es ist faszinierend, sich mit ihm über Programme und Konzepte zu unterhalten. Ich freue mich auf eine fruchtbare Partnerschaft und Freundschaft. Ich bin auf keinem Gebiet besonders spezialisiert – der Chefdirigent sollte ja offen sein für alle Aufgaben – von Abonnementskonzerten über die Aktivitäten für Kinder und Eltern oder Extra-Veranstaltungen für Sponsoren bis zu Tourneen durch die Welt. Erst einmal möchte ich möglichst viele verschiedene Sachen machen – um auszuprobieren, was dem Orchester und mir am besten liegt, und was überhaupt nicht.



Wie oft «erlauben Sie» – und das meine ich selbstverständlich in Anführungszeichen – Jiří Bělohlávek zu dirigieren?


Sooft er mir erlaubt, ihn darum zu bitten… Aber im Ernst: Es ist vor allem eine terminliche, weniger eine künstlerische Frage. Die Tatsache, dass es zwischen Jiří Bělohlávek und dem Orchester zu einer freundschaftlichen Trennung kam, lässt alle Voraussetzungen dafür offen, dass er mit der Prague Philharmonia auftreten wird, wann immer es die Umstände erlauben.



Welche Unterschiede gibt es zwischen Ihnen Ihrer Meinung nach?


Jiří Bělohlávek spielte ursprünglich ein Streichinstrument, ich spielte ein Blasinstrument. Er leitet das Orchester mit einem Paket voll Erfahrungen (die er nicht zuletzt als Professor gemacht hat), ich dagegen sammle täglich neue Erfahrungen - mein Rucksack ist noch halbleer. Er ist für mich eine Respektperson, er könnte mein Ratgeber und Lehrer, sogar mein Vater sein. Wenn wir uns ähnlich wären – oder identisch, was nicht möglich ist – wäre ich seine Kopie. Ich muss versuchen, meinen eigenen Weg zu gehen, Ratschläge meiner Freunde und Kollegen zu respektieren und dankbar dafür zu sein.



Haben Sie irgendwelche besondere Vorstellungen über die neuen Horizonte, zu denen Sie mit der Prague Philharmonia aufbrechen möchten? Sehen Sie irgendwelche Chancen für Aufnahmen?


Meine besondere Domäne wird zweifellos die Wiener Klassik, zuerst Haydn und Mozart, Beethoven vielleicht dann etwas später, ferner Schubert, bei dem speziell entdeckt werden muss, was «hinter den Noten» verborgen ist, weiter Schumann, Brahms und Dvořák – warum letztere nicht gerade mit einem Orchester mittlerer Grösse machen? Weil für mich die Religion und der Glaube an Gott wichtig sind - obwohl ich religiöse Konflikte weder verstehe noch akzeptiere – möchte ich regelmässig Oratorien von Bach bis Penderecki aufführen. Ich liebe die Musik des 20. Jahrhunderts, darunter vielleicht speziell die französische und tschechische, ich denke, dass ich mich gut in der leichten Musik auskenne – z.B. Operetten und Salonschlager, nah ist mir auch der Jazz, sowie die griechische, armenische, zigeunerische , rumänische, sardinische und arabische Musik… Mein Gott, die Welt der Musik ist so reich! Wir werden auf CD aufnehmen, was uns als das Beste erscheint und worin wir gemeinsam die besten sein werden. Ich bin dagegen, dass man Aufnahmen macht, nur um Aufnahmen zu haben.



Und die tschechische Musik?


Als ich vor zehn Jahren im Nationaltheater Die verkaufte Braut sah, hat es mich im tiefsten Sinne angesprochen und bewegt. Oder ging ich kurz in ein früheres Leben zurück? Ich habe damals angefangen, tschechische Musik zu sammeln – Partituren, Schallplaten…Jetzt kenne ich einen beträchtlichen Teil der Werke von Dvořák, Janáček, Smetana und Martinů, aber interessiere mich genauso für wenig oder relativ selten gespieltes Repertoire. In der Schweiz gelte ich als Fanatiker tschechischer Musik. Als ich das Programm meines Festivals Murten Classics 2004 unter dem Motto „Musik in Böhmen und Mähren“ zusammenstellte, tauchte ich wieder sehr tief ein und entdeckte tschechische Musik aus Barock- und Vorklassik, auch viele Beispiele aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, vor allem die so genannten Theresienstädter Komponisten, Musik aus der sozialistischen Zeit. Ich unternehme jetzt eine umfangreiche Forschung im Bereich der zeitgenössischen tschechischen Musik. Das ist sehr zeitaufwendig, aber es ist zusammen mit der französischen Musik ein Gebiet meines Hauptinteresses. Viele neuere tschechische Werke sind für grosses Orchester geschrieben, bei weitem nicht so viele für unsere kleinere klassische Besetzung – aber gerade das könnte eine Chance für Kompositionsaufträge bedeuten.



Wie wichtig ist für Sie der Rückhalt, den Ihnen das Spielen eines Instrumentes bietet?


Als Flötist bin ich gewöhnt, mit dem Atem zu arbeiten, was wichtig ist für alle Musiker, nicht nur für Sänger und Bläser. Ich bin immer noch aktiv als Instrumentalist, trete sehr selbstkritisch auf, aber ich brauche es, denn als Instrumentalist kann ich ohne Kompromisse wirken – egal was passiert, es ist immer mein Fehler. Für einen Dirigenten ist es im allgemeinen schwer, ohne Kenntnisse im Klavierspiel in die Partituren vorzudringen. Ich bin zwar kein guter Pianist, aber beim Klavierspiel erfahre ich viel über Instrumentation und über Klangfarbe eines Orchesters. Aus kleineren Klavierkompositionen kann ich einen unmittelbaren Eindruck über die Persönlichkeit des Autors gewinnen.



Können Sie uns etwas über den geplanten Umfang Ihrer künstlerischen Tätigkeit und Ihrer Verpflichtungen in Prag sagen?


Mein Vertrag ist für sechs bis acht Konzerte vorgesehen – in der Saison im Abonnement-Zyklus A zwei, Zyklus O und im Zyklus S je eins bis zwei sowie je zwei Konzerte in den Zyklen D/E. Ich möchte gerne bei möglichst vielen ausserordentlichen Veranstaltungen mitmachen – Festivalauftritte, Konzerte für Sponsoren, spezielle Gala-Konzerte bieten sich an. Ich trage Verantwortung für die künstlerische Seite der Programme – für die Auswahl der Werke, Solisten und Dirigenten. Ich werde aber nach bestem Wissen und Gewissen auch alles für die Propagierung des Orchesters in der Wirtschaft unternehmen. Ich werde mit dem Ensemble ins Ausland fahren – und ich freue mich darauf, dass ich dann jede Musikerin und jeden Musiker auch persönlich besser kennen lernen werde. Ausserdem möchte ich einen Dialog mit den Medien und mit dem kulturpolitischen Umfeld beginnen, damit ich mich besser mit unseren Partnern bekannt machen kann.



Gefällt Ihnen der Klang und das Profil des Ensembles? Möchten Sie daran etwas ändern?


Wie ich schon sagte, beides gefällt mir sehr. Ich bin der Meinung, dass der Klang sich automatisch weiterentwickeln wird, wenn wir nicht vergessen, konstant daran zu arbeiten: Das Profil des Orchesters besteht aus zwei Komponenten – aus der Orchestergrösse und dem Repertoire. Die Grösse möchte ich nicht verändern, aber ich werde es wagen, in Gebiete vorzustossen, die entweder noch nicht so viel erforscht oder in Tschechien vor allem die Domäne grösserer Orchester sind. Bei allem, was wir auch tun mögen, muss die Qualität das „A“ und „O“ unseres Tuns werden.



Wollen Sie den niedrigen Altersdurchschnitt der Prague Philharmonia erhalten, oder wird das Orchester «älter werden»?


An erster Stelle steht die Qualität, die Altersfrage ist sekundär. Unsere Musiker haben keine lebenslänglichen Verträge, theoretisch könnten sie jedes Jahr ausgewechselt werden. Mit zumehmendem Alter werden sie auch erfahrener, aber ihre Motivation kann abnehmen – das kann ich verstehen. Ich respektiere die Persönlichkeit, den individuellen Charakter, persönliche Ansichten, Probleme oder künstlerische Prioritäten eines jeden Einzelnen, aber gleichzeitig verlange ich möglichst grossen professionellen Einsatz für die gemeinsame Qualität. Solange unsere Musiker und Musikerinnen imstande bleiben, mit der wartenden jüngeren Generation Schritt zu halten, ist ihr Alter nicht von Bedeutung.



Welche ist Ihre Lieblingsmusik?


Jede gute, gut interpretierte Musik. Jede Musik, die nicht langweilig ist. Sei es in der Klassik, im Jazz, Rock oder Folk usw.



Und ist für Sie neben der Musik, neben Ihrer Arbeit wichtig?


Sehr stark hänge ich an meiner Familie – an meiner Frau, meinen Eltern, meinen Schwestern und meinem Bruder, aber auch an meinen Freunden, die mehrheitlich Nicht-Musiker sind. Ich interessiere mich für klassische Sprachen – für Altgriechisch und Latein und für Ethymologie. Ich bin ein leidenschaftlicher Leser jeder Art von Literatur – momentan lese ich viel Spanisches. Gerne bewundere ich mittelalterliche Architektur, also die romanische und die gotische, sowie Malerei aller Epochen. Gerne wandere ich in der Natur, fahre Ski oder weile auf einer kleinen Mittelmeerinsel. Ich liebe guten Wein und selbstverständlich tschechisches Bier.

 


Die Prager Kammerphilharmonie wird nicht Ihre einzige «Arbeitsstätte». Wo kann man mit Ihnen noch begegnen?


Prag wird in den nächsten Jahren zu meinem Hauptarbeitsplatz. Ich bleibe zudem in der Schweiz als Künstlerischer Leiter für das Zenturm Paul Klee und fürs Festival Murten Classics tätig. Weil ich viel mit der Philharmonie der rumänischen Stadt Sibiu (Hermannstadt) zusammengearbeitet habe, bleibe ich mit ihnen im Kontakt für das Projekt «Sibiu – Kulturhauptstadt Europas 2007». Was die weiteren Orte, Konzerte und Orchester angeht, fragen Sie bitte meinen Agenten. Es ist für mich nicht wichtig bald berühmt zu werden oder so schnell wie möglich eine grosse Karriere zu machen. Mein einziger Ehrgeiz ist es, das gut zu machen, was von mir verlangt wird.



Petr Veber, Hudební rozhledy

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